Pampelmusen sind keine Grapefruits!?


Wisst ihr was eine Pampelmuse ist? Na, das ist doch das Gleiche wie eine Grapefruit. Nun schreit vielleicht jemand: „Halt, Pampelmusen sind keine Grapefruits !?“. Tja, was stimmt denn nun? Ich persönlich würde beide Antworten nicht gelten lassen.

Fakt ist, dass beide Pflanzenarten, die zur Gattung Citrus (Rutacaceae, Familie der Rautengewächse) gehören, zwar eng miteinander verwandt sind, dennoch aber nicht ein und dasselbe sind. Um genau zu sein, sind Grapefruits (Citrus paradisi) ein Kreuzungsprodukt aus Pampelmusen (auch Shaddock, Citrus maxima syn. Citrus grandis), die ursprünglich aus Südostasien stammen, und Orangen (Citrus x sinensis), die ebenfalls aus Südostasien oder China stammen. Damit wäre der Fall wohl erledigt. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Und wo wir schon dabei sind:  wie sieht es eigentlich mit den anderen Zitrusfrüchten aus? Habt euch nicht schon einmal gefragt, inwieweit Blutorangen mit Süß-Orangen, Mandarinen mit Clementinen oder Pomelo mit Pomeranzen verwandt sind? Und was ist eigentlich mit Limetten oder Limonen? Oder Zitronatzitronen? Na, habt ihr eine Idee? Um es hier vorwegzunehmen: die Verwandtschaftsbeziehungen der uns bekannten Kulturzitrusfrüchte sind so überschaubar und „inzestös“ wie die jener mittelalterlichen Königshäuser inclusive Cousins 3. Grades. Aus diesem Grund möchte ich ein wenig Ordnung in das Wirrwarr der „sauren“ Familie bringen. Holt noch einmal tief Luft, es wird zunächst ein wenig theoretisch.

Bereits 1997 hat der Botaniker und Verwandtschaftsforscher D.J. Mabberley eine Klassifikation für essbare Zitrusfrüchte zusammengestellt und merkte die Komplexität der Gattung Citrus bzw. Untergattung Citrus an. Unklarheit herrscht z.B. immer noch darüber wieviele essbare Arten es nun wirklich gibt, da mögliche Hybridisierungen (zwischenartliche Kreuzungen) bzw. Hybridisierungslinien und Apomixis (eine Art ungeschlechtlicher Fortpflanzung ohne Rekombination mit genetisch identischen Eltern und Nachkommen) die Übersicht erschweren.

Die wissenschaftlichen Angaben schwanken zwischen einer und 162 verschiedenen Arten. Gemäß Swingle (1944) gibt es zwölf essbare Arten (Untergattung Citrus) und sechs ungenießbare Arten (Untergattung Papeda (Hassk.) Swingle). Modernere chemosystematische Studien zeigten, dass es ursprünglich vier verschiedene, sich geografisch unabhängig voneinander entwickelte Arten innerhalb der Untergattung Citrus gibt. Dazu gehören die Bergzitrone (C. halimii B.C. Stone) aus Malaysia und die von Borneo stammende Pampelmuse, die Zitronatzitrone (C. medica L.) vermutlich aus Indien und die Mandarine bzw. Tangerine (C. reticulata Blanco), die vermutlich auch aus Südostasien oder China stammt. Weitere Studien belegten, dass von den genannten letzten drei Arten und noch zwei unbekannten Arten alle kommerziellen und essbaren Zitrusfrüchte abstammen. Entstanden sind diese dann durch Selektion oder Zuchtwahl und – meist unbeabsichtigt – durch Hybridisierung, gefolgt von weiterer Selektion der „agamischen Komplexe“ (Auswahl oder Zuchtwahl von Pflanzensorten, die asexuell Samen produzieren).

Ich möchte verdichen: es gibt drei bekannte und vermutlich zwei unbekannte Citrus-Arten. Diese sind die Vorfahren aller für uns essbaren Zitrusfrüchte. Alle anderen Arten wie Grapefruits, Pomelos, Orangen usw. sind Hybrid-Abkömmlinge dieser „Elternarten“.

Die Wichtigkeit der Zitruspflanzen in der kommerziellen Gartenkultur hat den systematischen Rang der agamischen Komplexe deutlich vergrößert und die eingeführten Hybridlinien haben die technisch korrekte Nomenklatur zunehmend verkompliziert. Zuchtauswahl und „wildes“ durcheinander Vermengen von Arten oder Artvarietäten sind der Alptraum eines jeden Verwandtschaftsforschers, dessen innigster Wunsch ja die möglichst korrekte Anordnung und Benennung von Arten sowie deren Verwandtschaftbeziehungen darstellt.

Swingle versuchte schon 1943 dem ein wenig Herr werden, indem er eine tabellarische Typisierung zusammenstellte:

 

Tab_Swingle

Dank der genetischen Methodik der Neuzeit konnte man das Verwandtschaftsgeflecht nun auch wissenschaftlich sauber entwirren. So zeigten Moore (2001) in TRENDS in Genetics in einem übersichtlichen Schema, wie die wahrscheinlichsten genetischen Beziehungen zueinander stehen (ich habe die Darstellung noch ein bisschen modifiziert). Ich weise an dieser Stelle daraufhin, dass die „englische“ Pomelo/ Pummelo übersetzt „unserer“ Pampelmuse entspricht. Prinzipiell ist der Erbanteil von Pampelmuse in den (Honig-) Pomelos deutlich größer als der Anteil der Grapefruit (was sich auch aus dem Schema so ergibt). Manche Botaniker unterscheiden die Pampelmusen und die Pomelo daher gar nicht so scharf.

 

Picture1

Nun könnt ihr Pampelmusen von Grapefruits unterscheiden und ich hoffe, dass ich euch ein wenig Klarheit in das Verwandschaftschaos der Zitrusfamilie bringen konnte. Wisst ihr noch wieviel Mandarinenanteil in einer Pomelo steckt? Oder habt ihr keine Lust mehr auf Saures? Na dann pfeift doch drauf!

p.s.: Wer sich noch mehr und nicht nur systematisch für Zitrusfrüchte interessiert, dem sei auch die Seite des Bochumer Botanischen Vereins nahe gelegt.

 

Referenzen

Mabberley, D. J. (1997). A classification for edible Citrus (Rutaceae). Telopea, 7(2), 167-172.

Moore, G. A. (2001). Oranges and lemons: clues to the taxonomy of< i> Citrus</i> from molecular markers. TRENDS in Genetics, 17 (9), 536-540.

Swingle, W.T. (1943) The botany of Citrus and its wild relatives of the orange subfamily. In The Citrus Industry. (Vol I) (Webber, H.J. and Batchelor, L.D., eds), pp. 129–474, University of California Press

Swingle, W. T. (1967). The botany of Citrus and its wild relatives. The citrus industry, 190-430.

Beitragsbild

Original aus: Swingle, W.T. (1943) The botany of Citrus and its wild relatives of the orange subfamily. In The Citrus Industry. (Vol I) (Webber, H.J. and Batchelor, L.D., eds), pp. 129–474, University of California Press

Online-Referenzen

http://www.dobernator.com/upload-db/2009/02/honig-pomelo-verpackt.jpg [Stand: 17.12.2014]

 

 

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