Kryptobiologie für Anfänger


Es gibt eine Disziplin, die mit der Biologie assoziiert ist und vermutlich schon immer eine Antriebskraft für Naturforscher dargestellt hat. Sie beschäftigt sich mit den realen Ursprüngen von Wolperdingern, Zwergelefanten, dem Sasquatch,  Riesenkalmaren oder Nessie. Halt stopp! Nein, ich bin nicht in das esoterische Milieu abgerutscht, sondern möchte euch die Kryptobiologie (gr. für „Lehre des geheimen Lebens“) vorstellen, die medial zwar recht populär geworden ist, von vielen ihrer Schwesterdisziplinen jedoch häufig und zu Unrecht als „pseudoscience“ oder „gray area science“ bezeichnet wird. Meiner Meinung nach sollte die Kryptobiologie, insofern entsprechend wissenschaftlich betrieben, durchaus gewürdigt und ernst genommen werden. Die kryptobiologische Arbeit kann man mit der eines global-denkenden Kriminalbeamten vergleichen, der nach jemanden fahndet, der vielleicht gar nicht oder nicht mehr existiert. Die anfängliche Beweislage ist dabei häufig prekär, da fragwürdige Dokumentationen oder Zeugenaussagen bis hin zu waschechten Mythen nicht selten die einzigen Beweise darstellen. Verdichten sich die Indizien jedoch und können Fälschungen ausgeschlossen werden, fängt die Suche und die Aufklärung des Ungewissen an. Der Aufwand diesen Hinweisen nachzugehen ist mitunter groß und meistens ist alles umsonst, dennoch ist der Lohn auf jeden Fall erstrebenswert.

Die Kryptozoologie, neben der Kryptobotanik eine der beiden Tochterdisziplinen der Kryptobiologie, hat sich primär der Suche nach Tieren, den sogenannten Kryptiden, verschrieben. Dabei werden fünf verschiedene Kryptidkategorien unterschieden: „unbekannt“, „potenziell ausgestorben“, „bekannten Tieren ähnlich“, „beschrieben aber nicht wissenschaftlich belegt“ und „bekannt, aber in untypischer geografischer Region“. Manche Kryptiden gehören mitunter in mehrere Kategorien. Falls es ein Monster von Loch Ness gäbe, würde es z.B. in die Kategorie unbekannte Tiere, auch unidentified mystical animal (UMA), oder, insofern man die bisherigen Fotos und Zeugenzeugen für voll nehmen würde (wovon ich allerdings abrate), in die Kategorie „beschrieben, aber nicht wissenschaftlich belegt“ einordnen. Allein der bisherige (und zukünftig) betriebene Aufwand an dem Beispiel zeigt, dass es genug Personen gibt, die ein Monster von Loch Ness als existent ansahen (oder vielleicht immer noch ansehen).

Das Geheimnis eines Kryptiden, und das ist das eigentlich Spannende daran, kann gelüftet werden, indem man ein Tier findet, ein kritisch überprüftes, lebendes oder totes Typenexemplar vorweisen kann und sich ein unabhängiges wissenschaftliches Gutachten einholt. In der Biologie gilt generell, wer als erstes einen ersten echten Beleg für ein Lebewesen liefert, diesen dokumentiert und erfolgreich „prüfen“ lässt, was im Fachjargon als Erstbeschreibung eines Holotypus bezeichnet wird, der darf seinen Fund mit einem selbst gewählten Fachterminus für den Artnamen schmücken und sich damit „unsterblich verewigen“.

Das Interessante ist, dass sich hinter alten, „entlarvten“ Kryptiden für uns heute ganz vertraute Lebewesen verbergen. Eine Vielzahl prominenter Fälle der Vergangenheit konnte gelöst werden und es ist wahrscheinlich, dass weiteres Licht ins Dunkel gebracht wird. Die Zwergelefanten von Borneo wurden beschrieben, mindestens eine weitere Art wird im afrikanischen Regenwald vermutet. Der Sasquatch und der Yeti könnten in Wirklichkeit Braunbären oder deren Verwandte sein. Die Existenz von Riesenkalmare ist sehr wahrscheinlich, nachgewiesen konnten bisher aber nur kleinere Exemplare.  Man bedenke zudem, dass viele geografische Bereiche wie z.B. die Tiefsee noch weitgehend unerforscht sind und dort mit Sicherheit noch zahlreiche Überraschungen auf uns warten. Stellt euch einmal vor, dass ihr  in weit zurück liegender Vergangheit leben würdet und man euch von Giraffen, Vogelspinnen, Tapiren, Orang-Utans oder Quastenflossern erzählen würde. Wüsstet ihr nicht wie sie aussehen, wären die enstandenen Vorstellungen in eurer Fantasie sicherlich genauso interessant wie die unserer Vorfahren.

Mein Fazit lautet:

Ein Kryptobiologe investiert viel und könnte am Ende mehr als nur seinen Ruf verlieren. Sollte seine Arbeit jedoch gewissenhaft sein und gut gelingen, wird er nicht selten mit der Beleuchtung einer „faszinierend-erfrischenden“ Kuriosität belohnt (was mich natürlich sehr freut) und darf sich „unsterblich“ in die Systematik einschreiben.

Abschließen möchte mit einem Zitat:

Until then, by its nature, cryptozoology is bound to remain, at worst, a pseudo-science and, at best, a transitional field of research between mythology and zoology.” (Schembri 2011)

Was denkt ihr? Ist die Kryptobiologie bzw. Kryptozoologie als Pseudowissenschaft zu bezeichnen oder sollte man ihr ein gewisses Potenzial zu sprechen?

[Update: 13.12.2016]: Es gibt inzwischen übrigens eine Liste von registrierten Cryptiden. Schaut mal rein.

Referenzen:

Dendle, P. (2006). Cryptozoology in the Medieval and Modern Worlds: RESEARCH PAPER. Folklore, 117(2), 190-206.

Schembri, E. (2011). Cryptozoology as a pseudoscience: beasts in transition. Studies by Undergraduate Researchers at Guelph, 5(1), 5-10.

Onlinereferenzen:

http://www.kryptozoologie-online.de/ [Stand 28.01.2015)

Bildreferenzen:

Abb. 1 A Wolpertinger. By Rainer Zenz – Rainer Zenz, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=340080 [Stand: 13.12.2016]

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