Hallo, wir sind die Nachbarn!


Die Entwicklung von Siedlungsgebieten und die Ausweitung von Kulturlandschaften verändern und zerstören im schlimmsten Fall die natürlichen Lebensräume von Organismen. Aber so tragisch die Entwicklung für viele von ihnen sein mag – einige kommen damit erstaunlich gut zu Recht. Interessanterweise zeigen jene, welche auf die Veränderungen reagieren können, eine starke Anpassungsfähigkeit und leben häufig sogar begünstigt in der Anwesenheit des Menschen und seinen künstlich geschaffenen Lebensumgebungen. Diese Synanthropen, wie unsere „wilden“ Nachbarn in der Ökologie heißen, leben verhältnismäßig sehr luxuriös. Sie profitieren von einem ständig verfügbaren, nahezu unerschöpflichen Nahrungs- bzw. Nährstoffangebot, passenden Mikroklimaten oder einer Vielzahl von Rückzugs-und Nistmöglichkeiten. Zur neuen Nachbarschaft laden dabei unsere Wohnräume genauso ein wie Kleingärten, Parkanlagen, Kiesgruben, Müllhalden oder z.B. auch die Kanalisation. Einige der Lebewesen haben sich so sehr an die Umgebung des Menschen gewöhnt, dass sie obligatorisch darauf angewiesen sind, sie sind dann eusynanthrop. Hemisynanthropen leben demnach  fakultativ mit dem Menschen zusammen.

Aber wer sind „die“ denn nun, unsere neuen Nachbarn? Es ist zunächst nicht überraschend, dass zu unseren tierischen Nachbarn Hausratten, Mäuse, Amseln, Sperlinge, Meisen, Ringeltauben, Schwalben, Mauersegler oder Krähenvögel wie Elstern gehören. Unsere unmittelbaren Nachbarn sind auch alte Bekannte. In der Hausfauna sind in erster Linie Insekten und andere Gliederfüßer zufinden, zu denen Essigfliegen, Küchenschaben, Teppichkäfer, Mehlkäfer, Winkelspinnen, Weberknechte, Silberfischchen, Bettwanzen, Hausstaubmilben oder Kleider-und Lebensmittelmotten gehören. Klingt vielleicht eklig, ist aber in den seltenen Fällen wirklich unangenehm oder gar schädlich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Hier sieht man eine Bachstelze, die es zahlreich in der Nähe von Bächen oder Flussläufen gibt und die durch ihr typisches Gefieder und ihre wippenden Schwanzbewegungen auffällt.

Das sind unsere größtenteils schon geläufige Nachbarn. Aber wer aufmerksam ist, der wird sehr schnell mitbekommen, dass es noch mehr Nachbarn gibt, nämlich jene, die sich ein bisschen bedeckter halten. In Parkanlagen und Gärten kann man schon einmal das Klopfen (und Rufen) von Grünspechten, Schwarzspechten oder Buntspechten hören, man wird frühmorgens von Hausrotschwänzen oder Gartenrotschwänzen geweckt, andere Sänger wie Buchfinken oder Drosseln wie der Singdrossel geben ihr Bestes. An kleinen Bächen oder Flussläufen findet man Bachstelzen, Hockenschwäne und diverse Entenvögel. Wo es so viel Lebendfutter gibt, bleiben natürlich die Räuber nicht aus! Mitten in der Stadt gehen Greifvögel wie Turmfalken oder Sperber auf die Jagd, über den Häuserschluchten ziehen Rotmilane ihre Runden. Wenn sich der Tag dem Ende neigt, fängt die Nachschicht an. Füchse, Waschbären und Marder ziehen auf der Suche nach Futter umher. Der ein oder andere Marder, bei dem es sich meistens um den Steinmarder handelt, scheint sich dabei sehr von Gummidichtungen, die in Fahrzeugen verbaut wurden, angezogen zu fühlen. Der Luftraum wird nachts von Fledermäusen wie der kleinen Hufeisennase oder großen und kleinen Abendsegler durchschnitten, die in der Nähe von Lichtquellen auf die Jagd gehen. „Stationäre“ Kreuzspinnen versuchen nun auch hier Glück. Wer viel Glück hat und es einen Park gibt, der sehr alte und löchrige Eichen hat, kann vielleicht sogar einen Waldkauz hören. Und wenn ihr spät aus der Kneipe oder einer Disko nach Hause kommt, passiert es nicht selten, dass man von einer Nachtigall musikalisch begleitet wird.

Der kleine Moosgarten direkt vor meiner Haustür. Zu sehen sind hauptsächlich das Mauer-Drehzahnmoos (v.m., lange Stiele mit orange-farbenen „Hütchen“), das Polster-Kissenmoos (v.l., mit leichtem Silberstich) und das Dickhaarige Spalthütchen (v.r. dunkelgrün). Am Rand vorne ist vermutlich auch etwas Silbermoos zu sehen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Flechten können sehr unscheinbar, manchmal aber auch richtig auffallend sein. Auf dem Ast sitzen die relativ häufige Wand-Gelbflechte und daneben die Zierliche Blasenflechte.

Selbstverständlich haben wir nicht nur tierische Nachbarn. Unliebsam wird es den meisten, wenn wir an Schimmelpilze oder Hausschwämme denken. Manchmal wachsen auf Wiesen und in der nähe von Baumgruppen, aber auch Wiesenchampignons. Auf vielen Schutthalden oder in der nähe von Gleisen verbreiten sich Ruderalpflanzen wie Brombeeren, auf Wiesenstücken in Schwimmbad findet man manchmal Erdbeeren. Im generellen Stadtbild sind Pflanzen angesiedelt, die wir zu den „Gartenunkräutern“ zellen. Dazu gehören der Löwenzahn, Rispengräser, je nach Sukzessionsstadium aber auch Schwarzer Hollunder oder Sal-Weiden. Typisch sind auch Efeu oder Wilder Wein, die sich sanft über Mauern ziehen. Je nach Nährstoffangebot, das durch Hundekot und -urin sehr reichhaltig sein kann, Feuchtigkeit und Schatten findet man Brennnesseln, Malven oder Braunellen wachsen. Gelblich, mit gelblich-braunen Saft und metallischem Geruch findet man auch das Schöllkraut relativ häufig. Moose sind bei genügend Feuchtigkeit in unserer Nachbarschaft an Steinmauern, Dächern oder Grabsteinen zu finden. Als typische Moose wären hier das Polster-Kissenmoos, Mauerdrehzahnmoos, das Silbermoos („Ritzenmoos“) oder das Dickhaarige Spalthütchen zu nennen. Wer von euch schon mal von Flechten gehört hat, wird -insofern die Luftqualität halbwegs gut ist- auch in der Stadt oder anderen Siedlungsräumen  nicht enttäuscht werden. Je nach Substrat, also „Unterlage“, findet man an Bäumen, Mauern, Stromkästen und manchmal auch an Verkehrsschildern unterschiedliche Krustenflechten, Gelbflechten oder Blattflechten.

Das war natürlich nur eine kleine Vorstellungsrunde unserer Nachbarn. Wenn ihr Lust habt sie persönlich kennenzulernen, dann nichts wie raus mit euch. Eine Runde um den Block reicht sicherlich für die ersten Bekanntschaften.

Referenzen

Werner, P., & Zahner, R. (2009). Biologische Vielfalt und Städte. Eine Übersicht und Bibliographie. Leipzig.

Bilder

© Florian Walter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s