Nach Zucchini: Tod


Ich wurde vor Kurzem wieder einmal darauf angesprochen, ob der Verzehr von Zucchini insbesondere aus dem eigenem Garten lebensbedrohlich oder sogar tödlich enden kann. Es gibt und gab ja immer wieder Meldung über derartige Fälle [1,2,3], obwohl diese dann tatsächlich recht selten sind [4,5]. Will uns die Lebensmittelindustrie Angst vor unserem selbst produzierten Lebensmitteln machen oder ist da etwas Wahres dran?

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Abb.1: Wächst hier eine zukünftige Gefahr?

Eine korrekte und ausführliche Antwort auf diese Frage verlangt einen Einblick in die Biologie und Züchtungsgeschichte der Zucchini-Pflanze. Die Zucchini (Cucurbita pepo subsp. pepo convar. Giromontiina) gehört zur Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae) und ist mit dem Gartenkürbis, ferner mit Zaunrüben, Zuckermelonen, Gurken oder Melonen verwandt [6]. Das beliebte Gemüseaus dem Supermarkt, das botanisch gesehen als Beere bzw. aufgrund der häufig harten Schale als Panzerbeere bezeichnet wird, kann normalerweise sogar roh verzehrt werden. Die medial verbreiteten „Horromeldungen“ rufen allerdings zur Vorsicht auf. Ähnlich wie viele andere Pflanzen, bilden einige Vertreter der Kürbisgewächse sekundäre Pflanzenbitterstoffe, um sich gegen Fraßfeinde zu schützen. Die nach der Familie benannten Cucurbitacine sind komplexe Kohlenwasserstoffverbindungen, die zelltoxisch wirken, indem sie die mitotische Zellteilung hemmen [6,7]. Selbst Kochtemperaturen können diese Alkaloide nicht zerstören. Es ist mitunter sogar möglich, dass hitzebedingter Stress die Bildung der Bitterstoffe fördert. Einmal eingenommen, können Sie zur Reizung des Magen-Darm-Traktes, zu Nierenschäden oder bei Schwangeren sogar zum Abort führen. Im Falle starker Vergiftungen folgen innere Blutungen, die nach einer Hyperämie (übermäßiger Blutzufluss) im Gehirn, Delirien oder Kollaps mit dem Tod durch Atemstillstand enden können. Neben Zucchini können übrigens auch die verwandten Gurken oder Kürbisse diese Bitterstoffe in sich tragen. [7]

Nun könnte man sich natürlich fragen, ob uns die Obst- bzw. Gemüsebauern vergiften wollen. Die Antwort lautet nein! Schließlich hat man ja langfristig nichts von toter Kundschaft. Die Gefahr geht vorallem von eigenem Gartengemüse aus. Das ist keine Masche der Lebensmittelindustrie, sondern hat mit der Züchtungsgeschichte der Kürbisgewächse zu tun. Wie es auch bei anderen Pflanzen der Fall ist, können wir im Supermarkt in erster Linie für den Konsum hochgezüchtetes und -kultiviertes Obst und Gemüse kaufen. Daher sind unsere gekauften Zucchini oder Gurken nahezu kernlos und in der Regel ungiftig. Richtig gehört, das Marktgemüse kann potenziell Cucurbitacine enthalten, die zum Beispiel durch großen Hitzestress während des Anbaus gebildet worden sein könnten. Aufgrund von strengen Vorgaben kann „genetisch verunreinigtes“ Saatgut in solchen Fällen aber ausgeschlossen werden. Beim Gemüsebau im Garten allerdings, kann es zu Rückkreuzungen, Hybridisierungen mit anderen Kürbisgewächsen oder Wildtypen kommen, sodass die Gene für die Bildung der Cucurbitacine reaktiviert werden [7,8,9]. Aus diesem Grund sollte man bei selbst angebauten Pflanzen und daraus gewonnenen Saatgut Vorsicht walten lassen. Generell sollte man von ungewöhnlich bitterschmeckenden Lebensmittel die Finger lassen, da evolutiv gesehen bitter grundsätzlich giftig und ungesund bedeutet. Aber denkt auch daran: Die Dosis macht das Gift!

Referenzen:

[1] http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/heidenheim-mann-stirbt-durch-zucchini-mahlzeit-a-1049025.html [Stand: 14.11.16]

[2] http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesunde-ernaehrung-zucchini-vergiftung-mindestens-fuenf-menschen-in-bayern-behandelt_id_4895067.html [Stand: 14.11.16]

[3] http://www.rosenheim24.de/rosenheim/rosenheim-stadt/bittere-erfahrung-eigenem-gemueseanbau-rosenheim-rosenheim24-1358258.html [Stand: 14.11.16]

[4] Fuchs, J., Rauber-Lüthy, C., Kupferschmidt, H., Kupper, J., Kullak-Ublick, G. A., & Ceschi, A. (2011). Acute plant poisoning: analysis of clinical features and circumstances of exposure. Clinical toxicology, 49(7), 671-680.

[5] Davanzo, F., Miaglia, S., Perego, S., Assisi, F., Bissoli, M., Borghini, R., … & Ferruzzi, M. (2011). Plant poisoning: increasing relevance, a problem of public health and education. North-western Italy, Piedmont region. J Pharm Sci Res, 3(7), 1338-1343.

[6] Lieberei, Reinhard, Wolfgang Franke, and Christoph Reisdorff. Nutzpflanzenkunde: 118 Tabellen. Georg Thieme Verlag, 2007.

[7] L. Roth, M. Daunderer, K. Kormann: Giftpflanzen, Pflanzengifte. 4. Auflage. ecomed, Landsberg 1994, S. 235 f.

[8] http://www.bhaf.org.uk/page_id__528.aspx [Stand: 14.11.16]

[9] http://www.bayernwelle.de/chiemgau/gemuese-bedenkenlos-verzehren [Stand: 14.11.16]

Bildreferenzen

Abbildung 1: „Wächst hier eine zukünftige Gefahr?“; aus „Junge Früchte kurz nach dem Verblühen, die Blütenhülle noch am Fruchtknoten sitzend“; wikipedia, Bild-frei nach Jean-Luc 2005 [Stand: 14.11.16]

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