Das ist alles nur geklaut


Auf meiner Suche nach Kuriosiäten habe ich einen sehr sonderbaren Vogel gefunden. Der etwa fasanengroße australische Pracht- oder Graurückenleierschwanz (Menura novaehollandiae) fällt nicht nur durch seine imposanten Schwanzfedern und seine bühnenreifen Tanzeinlagen auf [1,2]. Er und sein bisher einzig bekannter Verwandter, der Albert´s Leierschwanz (Menura alberti), sind in der Lage, neben einer ganzen Bandbreite von Gesängen und Rufen, auch Umgebungsgeräusche zu imitieren. Und dazu gehören nicht nur fallende Bäume und Wasserrauschen, sondern auch von Menschen generierte Geräusche wie Stimmen, das Klicken von Fotoapparaten, heulende Sirenen, lärmende Laserpistolen oder ratternde Kettensägen [2,3].

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Abb. 1: Männlicher Prachtleierschwanz (Menura novaehollandiae)

 

Es ist natürlich sehr amüsant, der „Gesangsdarbietung“ zuzuhören. Scheinbar können die Leierschwänze wahllos Gesänge und Geräusche imitieren. Nach kurzem Überlegen fragt man sich dann vielleicht, wie und insbesondere warum sie das tun. Physiologisch gesehen kostet es ja schließlich viel Zeit und Energie, um so viel auswendig zu lernen und wieder zu geben.

Beantworten kann die Wissenschaft diese Fragen aktuell noch nicht mit Gewissheit [4]. Fakt ist, dass es sich im Fall der Leierschwänze um klassische Beispiele der Vokalmimikry (Gesangs- und Lautnachahmung) handelt, zu der übrigens auch einige unserer einheimischen Singvögel wie Gelbspötter, Star, Sumpfrohrsänger oder Kohlmeise in der Lage sind [4,5].

Kurz zur Theorie: Das allgemeine Konzept der Mimikry ist vergleichbar mit einer Modifikation des klassischen Kommunikationsmodells von Shannon und Weaver. Nach diesem Modell gibt es, vereinfacht gesagt, einen Sender (System 1), der ein Signal über einen Kanal an einen Empfänger (System 2) übermittelt. Die anschließende Verarbeitung des Signals führt regulär zu einer Reaktion des Empfängers. Bei einer Mimikry oder Mimese kopiert ein Mimet (Nachahmer) das Signal des Senders (Modell) und sendet das Signal an seiner statt zum Empfänger. Die folgende Empfängerreaktion wirkt sich in der Regel positiv auf den Mimeten aus.

Die Vokalmimese bei Vögeln ist – als eine Form der Mimikry – in der aktuellen Literatur wie folgt definiert:

Eine Vokalisation ist mimetisch, wenn sich das Verhalten des Empfänger nach der Wahrnehmung der akustische Nachahmung zwischen Mimet und Modell verändert, und seine Verhaltensveränderung dem Mimeten einen selektiven Vorteil [heißt evolutiv] verleiht.

Desweiteren sei erwähnt, dass sich die Gültigkeit dieser Definition nur auf wildlebende Vögel in ihren natürlichen Lebensräumen bezieht. Unsere domestizierten und nachplappernden Papageien, Wellensittiche oder Finken sind daher keine „echten“ Gesangsmimeten.

Zur Einschätzung der Funktion von Vokalmimikry bei Singvögeln gibt es bisher viele Theorien. Diese Theorien habe verschiedene Ansätze, werden im Allgemeinen aber durch zwei Kriterien klassifiziert: danach, ob die mimetischen Signalfunktionen im zwischen- oder innerartlichen Kontext statt finden und ob der Mimet von der Falschidentifikation durch den Empfänger oder von der bloßen Unterscheidung der Ähnlichkeit zwischen Mimet und Model durch den Empfänger profitiert. Es gibt in der Regel immer einen Verhaltenskontext, in welchem das mimetische Signal ausgesendet wird, eine Funktion erfüllt und einen Mechanismus,  durch welchen das Signal zu einem Vorteil des Mimeten führt (Rückkopplung). Desweiteren spielen auch die ökologischen Beziehungen zwischen Mimet, Modell und Empänger eine Rolle. Leider mangelt es hier akut an Studien und bisherige Erkenntnisse basieren eher auf Anekdoten oder Fallbeispielen, als auf „echten“, generalisierbaren wissenschaftlichen Ergebnissen [4].

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Abb. 2: Ein männlicher Prachtleierschwanz (Menura novaehollandiae) beim Balzen (Brautanwerbung)

Nichtsdestotrotz ist der Fall der mimenden Leierschwänze recht gut untersucht. Hier findet die Mimese offensichtlich im innerartlichen Rahmen statt. Der Sender ist ganz klar das Leierschwanzmännchen, welches zur Paarungszeit durch Vokalmimikry und Tanzeinlagen versucht, den Empfänger, das Leierschwanzweibchen, anzuwerben (Verhaltenskontext). Der generellen Einschätzung folgend, unterscheidet das Weibchen anhand der Vielseitigkeit des dargebotenen Gesangsrepertoires und der Qualität der Nachahmung  die Fitness der Männchen  (Funktion). Eine positive Rückkopplung entsteht dadurch, dass beide Faktoren über den Fortpflanzungserfolg des männlichen Individuums entscheiden (Fitness), also evolutiv gesehen selektiv wirken (Mechanismus). Im Gegensatz zu anderen Mimesen findet hier keine Täuschung statt, das Signal wird als ehrlich bezeichnet. Interessant ist die „Auswahl“ des Modells oder besser gesagt der Modelle. Da es scheinbar nur auf die Quantität und Qualität des Gesangrepertoires angekommt, verwundert es nicht, dass sich darunter eben auch Laserpistolen, Sirenen und Kettensägen befinden [2,3,4].

Passenderweise bietet sich hier ein Video an. Im Mitschnitt aus Sir David Attanborough´s BBC Life of Birds sieht man einen männlichen Leierschwanz, der zeigt, was er kann. Man hört, wie außerordentlich gut einheimische Vögel und andere Geräusche imitiert werden. Auf youtube.com befinden sich noch weitere unterhaltsame Videos. Schaut einfach mal rein.

Ein wirklich spannendes Kuriosum! Abschließen möchte ich heute mit einem passenden Liedtextzitat einer bekannten deutschen Sängergruppe [7] (Vorsicht Ohrwurmgefahr!):

Denn das ist alles nur geklaut,
das ist alles gar nicht meine,
das ist alles nur geklaut,
doch das weiß ich nur ganz alleine,
das ist alles nur geklaut
und gestohlen,
nur gezogen
und geraubt.
Entschuldigung, das hab‘ ich mir erlaubt.

p.s.: Falls ihr euch gefragt habt: Auch weibliche Leierschwänze haben mimetische Fähgikeiten. Allerdings setzen sie die Mimese nicht ein, um prahlend Männchen anzuwerben, sondern um z.B. vor Nesträubern zu warnen oder sie gleich zu verjagen [8].

Referenzen:

[1] Davies, Thomas. „Description of Menura superba, a Bird of New South Wales“. Transactions if the Linnean Society. (1802) pp. 207-10. Public domain

[2] Dalziell, Anastasia H., et al. „Dance choreography is coordinated with song repertoire in a complex avian display.“ Current Biology 23.12 (2013): 1132-1135.

[3] Dalziell, Anastasia H., and Robert D. Magrath. „Fooling the experts: accurate vocal mimicry in the song of the superb lyrebird, Menura novaehollandiae.“ Animal Behaviour 83.6 (2012): 1401-1410.

[4] Putland, David A., et al. „Imitating the neighbours: vocal dialect matching in a mimic–model system.“ Biology letters 2.3 (2006): 367-370.

[5] Dalziell, Anastasia H., et al. „Avian vocal mimicry: a unified conceptual framework.“ Biological Reviews 90.2 (2015): 643-668

 [6] Deutschlandfunk: Bauernlieder im Dompfaffgesang http://www.deutschlandfunk.de/bauernlieder-im-dompfaffgesang.740.de.html?dram:article_id=111245 [Stand: 16.01.17]

[7] Originaltext von: Die Prinzen mit „Alles nur geklaut“, Album „Alles nur geklaut“, 1993 (hier in einer modernerenVersion)

[8] Dalziell, A. H., and J. A. Welbergen. „Elaborate mimetic vocal displays by female Superb lyrebirds.“ Front. Ecol. Evol. 4: 34. doi: 10.3389/fevo (2016).

 

Bildreferenzen:

Beitragsbild Original aus [1]

Abb.1 Superb Lyrebird in Victoria, Australia. By Fir0002 – Own work, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7319898

Abb.2 Superb lyrebird in courtship display. Taken by Fir0002 – Own work, GFDL 1.2 flagstaffotos.com.au Canon 5D II + Canon 70-200mm f/2.8 L, https://en.wikipedia.org/wiki/Lyrebird#/media/File:Superb_Lyrebird_mound_dance.jpg

 

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