Eine schmalzige Geschichte


Das folgende Kuriosum ist genauso interessant wie absurd: Heute dreht sich alles um Ohrenschmalz, um genau zu sein, um Walohrenschmalz. Viele werden jetzt denken: „Pfui, widerlich.“, „Oh Gott, lass mich bloß in Ruhe.“ oder „Muss das wirklich sein.“. Meine Reaktion lautet: Ja,  lest einfach weiter, es wird interessant.

Selbstverständlich ist es so, dass Wale Ohren haben und unter Wasser hören können. Sonst wären die wunderschönen und komplexen Wahlgesänge ja wohl auch total für die Katz. Kurz nach der Geburt beginnen Wale, sowie die meisten Säugetiere, Ohrenschmalz (med. Zerumen) innerhalb ihres Gehörkanals abzulagern. Es erfüllt dabei wie bei anderen Säugern eine wichtige Rolle. Es befeuchtet die Haut im Gehörgang und dient dem Entfernen von Schmutz, toten Hautzellen oder Fremdkörpern. Häufig befinden sich noch Enzyme oder Bitterstoffe im Zerumen, die Schutz vor Bakterien oder Insekten bieten. Insekten werden vermutlich nicht in die Ohren von Walen kommen, Bakterien hingegen schon. Für die Wale ist eine weitere Eigenschaft wichtig: Aufgrund der chemischen Zusammensetzung verhindert das Zerumen in gewissem Maße das Eindringen von Wasser [1]. Ich vermute, dass das Zerumen zudem einen zusätzlichen Schutz vor den hohen Drücken bei größeren Tauchtiefen darstellen könnte. Dazu habe ich allerdings (noch) keine passenden Quellen gefunden.

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Abb.1: Illustration eines Blauwalzerumens. A) Schematisches Diagramm, welches die Lage des Zerumen (d) um Hörkanal (f) zeigt. B) extrahiertes Zerumen (25,4 cm lang). C) Längschnitt des Zerumen. D) 20fache Vergrößerung mit diskreten Laminae

Da Wale aus diversen Gründen keine Möglichkeit haben, sich die Ohren zu waschen, lagert sich das Zerumen ein Leben lang an (Abb.1). Daher haben Wissenschaftler schon vor einiger Zeit erkannt, dass man die temporär-variierenden Ablagerungen (Laminae, Abb. 1 D) des Zerumen ähnlich wie die Jahresringe von Bäumen dazu nutzen kann, um das Alter von Walen zu bestimmen [2,3].

US-Forscher haben außerdem heraus gefunden, dass man anhand des Zerumens Rückschlüsse auf das Leben des Wales ziehen kann. So ist es möglich, Aussagen über vergangene Stresssituationen oder die Schadstoffbelastung früherer Mahlzeiten zu treffen [3,4].

In Abbildung 1 B seht ihr einen gut 25 cm langen Schmalzpfropfen, den Forscher aus dem Schädel eines toten, etwa 12 Jahre alten Blauwalmännchens (Balaenoptera musculus, Linnaeus 1758) extrahiert haben, um chemische Zeitprofile von Kontaminationen und Hormonen zu erstellen. Die zeitliche Auflösung der untersuchten Laminae lag dabei bei gut 6 Monaten, was bei einem maximalen Walalter von 100 und mehr Jahren wirklich gut ist.

Im Detail wurden in den chemischen Analysen Lebenszeit-Profile von  Kortisol (Stresshormon), Testosteron (Entwicklungshormon), organischen Schadstoffen (z.B. Pesizide wie DDT oder Flammschutzmittel) und Quecksilber erstellt. Die Ergebnisse waren verblüffend: Das Kortisolprofil zeigte eine Verdopplung des Kortisollevels im Vergleich zur Grundlinie. Das Testosteronprofil zeigte eine ähnliche Entwicklung wie das Kortisolprofil und erreichte einen Maximalwert im Alter von etwa 10 Jahren. Die Profile untersuchter Schadstoffe zeigten Höchstkonzentrationen im Alter von 0-12 Monaten und blieben danach bis zum Lebensende auf einem relativ konstanten niedrigen-mittleren Niveau. Die absoluten Quecksilberprofile zeigten im Vergleich zu den anderen Schadstoffen eine weniger starke Konzentration in den ersten Monaten. Markant waren zwei distinkte impulsartige Anstiege im Alter zwischen 5 bis 7 Jahren und kurz vor dem Tod im Alter von 10-12 Jahren (wen es interessiert: hier kann man sich alles nochmal im Detail anschauen).

Daraus haben die Wissenschaftlier verschiedene Dinge abgeleitet: Der empfundene Stress des Tieres ist in seiner Lebenszeit relativ kontunierlich gestiegen und hat in letzten Jahren nochmal einen deutlichen Sprung gemacht (Kortisol). Das Männchen hat mit etwa 10 Jahren die Geschlechtsreife erreicht, welches gut mit vorherigen Schätzungen übereinstimmt und diese unterstützt (Testosteron). Die Schadstoffbelastungen lassen darauf schließen, dass der Wal bereits im zarten Alter, als er noch gestillt wurde, über die Muttermilch Schadstoffe aufgenommen haben muss. Interessanterweise stimmten die organischen Lebenszeit-Schadstoffbelastung, die insgesamt im Zerumen gemessen wurde, mit gemessenen Werten aus Blubberproben (Walspeckproben) des Individuums überein. Das Quecksilberprofil lässt die schlimme Vermutung zu, dass der Blauwal zweimal im Leben starken regionalen Umweltbelastungen und/oder anderen menschlich bedingten Belastungen ausgesetzt war und dass er das Schwermetall wahrscheinlich über die Nahrung aufgenommen hat.

Die Wissenschaflter schlossen Generelles aus der Studie: Die chemischen Analysen von Walohrenschmalz können nicht nur dazu dienen,  Altersprofile im Zusammenhang mit Stresssituationen, dem Entwicklungszustand oder Schadstoffbelastungen zu erstellen. Indirekt kann man die Profile auch als Indikatoren verwenden, um Rückschlüsse auf  den regionalen Gebrauch bzw. die Emissionen von Schadstoffen, Umweltlärm, Schiffsverkehr und Klimawandel zu ziehen [3,4]. Wahnsinn!

p.s. Ich schlussfolgere daraus, dass, wenn man seine Ohren nicht regelmäßig putzen würde, seine eigene Chronik…nein lieber nicht.

Referenzen:

[1] http://flexikon.doccheck.com/de/Cerumen [Stand: 24.01.2017]
[3] Trumble, Stephen J., et al. „Blue whale earplug reveals lifetime contaminant exposure and hormone profiles.“ Proceedings of the National Academy of Sciences 110.42 (2013): 16922-16926.
[4] Trumble, Stephen J., and Sascha Usenko. Determining Baseline Stress-Related Hormone Values in Large Cetaceans. BAYLOR UNIV WACO TX, 2014.
Bildreferenzen:

Beitragsbild: Balaenoptera musculus von Anim1754 – Flickr – NOAA Photo Library.jpg (2010), [https://en.wikipedia.org/wiki/Blue_whale#/media/File:Anim1754_-_Flickr_-_NOAA_Photo_Library.jpg]. Public domain

Abb.1 = Fig. 1 in [3] Illustration of a blue whale earplug. (A) Schematic diagram showing the location of the earplug within the ear canal: (a) whale skull, (b) tympanic bulla, (c) pars flaccida/tympanic membrane (“glove finger”), (d) cerumen (earplug), (e) external auditory meatus, (f) auditory canal, (g) muscle tissue, (h) blubber tissue, and (i) epidermis. (B) Extracted blue whale earplug; total length 25.4 cm. (C) Earplug longitudinal cross-section. (D) View (20×) of earplug cross-section showing discrete laminae.

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