Die Zombie-Apokalypse


Willenlose, mit ausgestreckten Armen herumirrende, unverständliche Laute von sich gebende Untote, deren ausgeblichene Haut mit zahlreichen Wunden durchsetzt ist und die anderen Menschen durch einen Biss ihr Zombievirus übertragen und sie so zu ihresgleichen werden lassen: Was für uns bisher glücklicherweise Hollywood-Fiktion geblieben, ist im Reich der Krabbeltiere brutale Realität.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie durch Parasiten bei dem entsprechenden Insekten- oder Spinnenwirt ein eigentlich untypisches Verhalten hervorgerufen wird, das direkt oder indirekt mit dem Tod des Wirtes einhergeht, während es der Entwicklung des Parasiten und letztlich der Wiederbesiedlung neuer Wirte dienlich ist. Evolutionsbiologen sprechen davon, dass der Parasit einen „erweiterten Phänotyp“ hat, das heißt die Gene des Parasiten wirken sich nicht nur auf dessen eigenes Verhalten, sondern auch auf das seines Wirtes aus. Schauen wir uns drei ausgewählte Beispiele einmal näher an…

In den Tropen existieren verschiedene Ameisen befallende Pilzarten, die die Kontrolle über ihre sechsbeinigen Wirte übernehmen und sie, je nach Pilzart, an Baumstämmen oder Sprösslingen emporklettern lassen. Die Ameise verbeißt sich entsprechend der mikroklimatischen Anforderungen des Pilzes auf einer bestimmten Höhe in die Baumrinde oder die Unterseite eines Blattes und stirbt dort. Einige Tage später tritt aus dem Kadaver der Fruchtkörper des Pilzes heraus, und aus diesem rieseln die Pilzsporen der nächsten Generation nieder, wodurch vorbeilaufende Ameisen erneut befallen werden können.

Auf ähnliche Weise verhilft die Waldgrille (Nemobius sylvestris) in ihr lebenden Saitenwürmern unfreiwilligermaßen zu deren Verbreitung. Nimmt die Grille mit der Nahrung eine Wurmlarve auf, so wächst diese in der Körperhöhle der Grille allmählich zu einem Wurm heran und füllt die Grille bis auf Kopf und Beine irgendwann vollständig aus. So dem Tode geweihte Grillen treffen, entweder aufgrund durch den Parasiten induzierter zufälliger Richtungsänderungen oder gezielter Suche, häufiger als uninfizierte Artgenossen auf ein Gewässer, und zeigen eine ungewöhnlich starke Neigung dazu, in dieses hineinzuspringen und somit, auch wenn dem Ende sowieso irgendwie nahe, Selbstmord zu begehen. Dabei ist der Wurm für die Paarung und Eiablage auf Wasser angewiesen und kann nur aufgrund des aufopferungsvollen Verhaltens seines Wirtes weiterbestehen.

Als letztes Beispiel seien die Spinne Leucauge argyra und die Schlupfwespe Hymenoepimecis argyraphaga erwähnt. Eine ausgewachsene Wespe legt zunächst ein einzelnes Ei auf das Hinterteil einer Spinne ab. Aus dem Ei schlüpft die Larve, die in die Spinne eindringt und diese, ähnlich wie im vorgenannten Fall, allmählich von innen auffrisst. Kurz bevor sie stirbt, baut die Spinne ein für sie untypisches, sehr kompaktes und stabiles Netz, das nicht zum Fangen von Beute, jedoch ideal zum Anbringen eines Wespenkokons geeignet ist. Sobald die Larve aus ihrer Wirtin schlüpft, lässt sie sich dementsprechend an dem neu errichteten Netz herab, verpuppt sich und macht sich nach ihrer Verwandlung alsbald daran, die nächste Spinne aufzusuchen.

Aber müssen wir uns um uns Sorgen machen? Könnten auch wir Opfer von Kleinstlebewesen werden, die uns von innen heraus steuern? Nun ja, es gibt ein paar Anhaltspunkte dafür: Menschen, die mit Einzellern der Art Toxoplasma gondii infiziert sind, und das sind immerhin ein Drittel der Menschheit, scheinen unter anderem eine verlangsamte Reaktionszeit zu haben und somit häufiger in Autounfälle verwickelt zu sein, und zudem eher zu Schizophrenie zu neigen. Gerade im Zeitalter von Verschwörungstheorien und falsch interpretierten Sachlagen sollten die Ergebnisse entsprechender Studien zwar vorsichtig und mit einem Höchstmaß an Sachlichkeit diskutiert werden; im Hinterkopf behalten kann man es aber dennoch, und entsprechend notwendig ist somit auch die Erforschung von anderen Parasit-Wirt-Systemen, wie ich sie oben beschrieben habe.

Referenzen:

Andersen S.B., Gerritsma S.,  Yusah K.M., Mayntz D., Hywel-Jones N.L., Billen J., Boomsma J.J. & D.P. Hughes (2009): The Life of a dead Ant: The Expression of an Adaptive Extended Phenotype. The American Naturalist 174: 424-433; doi: 10.1086/603640

Eberhard W.G. (2000): Spider manipulation by a wasp larva. Nature 406: 255-256; doi: 10.1038/35018636

Flegr J. (2013): Influence of latent Toxoplasma infection on human personality, physiology and morphology: pros and cons of the Toxoplasma–human model in studying the manipulation hypothesis. Journal of Experimental Biology 216: 127-133; doi: 10.1242/jeb.073635

Thomas F., Schmidt-Rhaesa A., Martin G., Manu C., Durand P. & F. Renaud (2002): Do hairworms (Nematomorpha) manipulate the water seeking behaviour of their terrestrial hosts? Journal of Evolutionary Biology 15: 356-361; doi: 10.1046/j.1420-9101.2002.00410.x

Abbildung: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ophiocordyceps_unilateralis.png, edited and published under Creative Commons Attribution 4.0 license.

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